Die Mechanik im Bürostuhl – Ein Überblick

Bürostühle BewegungBewegung hält fit, geistig aktiv und gesund – und welcher Chef wünscht sich nicht ebensolche Mitarbeiter? Kein Wunder also, dass die so dringend nötige Bewegung immer häufiger auch fürs Büro propagiert wird. Da dies bekanntlich im Arbeitsalltag leichter gesagt als getan ist, sollen es die Möbel richten: Unterstützten Bürostühle früher ihre Nutzer und sollten den Rücken möglichst entlasten, gewinnen sie seit einiger Zeit eine Funktion hinzu: Sie sollen die Bewegung im Sitzen ermöglichen und fördern.

Beweglich waren Bürostühle schon immer – spätestens mit dem Siegeszug der Synchronmechanik, die eine Bewegung nach vorne und hinten unterstützte. Neue Techniken gehen weiter, nämlich zur Seite. Und so mancher Hersteller perfektionierte die Bewegung nach vorn und machte sie nicht nur ausruh-, sondern auch arbeitstauglich. Der Nutzer sieht sich damit vor die Qual der Wahl gestellt: Was ist denn nun besser? Klassisch synchron, bewegte Sitzfläche oder doch die Glide-Tec-Mechanik, die eine besonders angenehme zurückgelehnte Sitzhaltung verspricht?

Ein Patentrezept gibt es nicht, entscheidend sind die persönlichen Vorlieben. Mancher mag es bewegt, ein anderer bevorzugt die klassische Synchronmechanik, der Nächste justiert diese lieber. Fest steht allerdings: Bewegung im Arbeitsalltag hält gesund – und wird selten genug praktiziert. Ein Bürostuhl, der die Bewegung fördert, gehört daher an jeden Arbeitsplatz. Die vorgestellten Mechaniken erledigen diese Aufgabe alle – jede auf ihre Weise.

FACTS

 

Synchronmechanik
Synchron Mechanik

Der Klassiker: Die Synchronmechanik war lange Zeit das Nonplusultra unter den Bürostuhlmechaniken. Bis heute werden die meisten Stuhlmodelle mit dieser Technik ausgeliefert. Die Synchronmechanik soll den Körper in jeder Sitzhaltung unterstützen, den Wechsel zwischen verschiedenen Sitzhaltungen und damit das sogenannte dynamische Sitzen erleichtern. Bei der Synchronmechanik sind Sitzfläche und Lehne miteinander verbunden. Beim Zurücklehnen bewegt sich die Rückenlehne mit dem Körper nach hinten, zur gleichen Zeit neigt sich die Sitzfläche. In der Regel ist die Neigung der Sitzfläche geringer als die der Lehne, üblich sind Verhältnisse von 3:1 oder 2:1. Korrekt justiert, bietet ein Stuhl mit Synchronmechanik einen hohen Komfort. Beim Zurücklehnen streckt sich der Körper, die Gelenke bewegen sich und die Durchblutung wird gefördert.

Die Bewegung wird allerdings nur nach vorn und hinten unterstützt, die seitliche Bewegung dagegen außer Acht gelassen. Die Synchronmechanik wird mitunter mit einer Sitzneigeautomatik kombiniert, die über minimale Gewichtsverlagerung des Nutzers nach vorne und hinten kippt. Der Körper gleicht diese Bewegung intuitiv aus, die Folge sind permanente – unbewusste − Bewegungen der Muskulatur. Der Hersteller Mauser Sitzkultur kombiniert eine solche Synchronmechanik zusätzlich mit einer Balance-Automatik, „Dynamic-Swing“ genannt: Die Sitzfläche ist dabei dynamisch mit der Synchronmechanik verbunden. Die Bewegung erfolgt bei diesem Prinzip vorwiegend klassisch, also nach vorne und hinten, und nur gering zu den Seiten.

 

Pending

PendingDie Pending-Technik wurde bereits Anfang der 80er-Jahre entwickelt, lange bevor das Thema dreidimensionales Sitzen aktuell wurde. Seitdem wurde die Technik stetig weiterentwickelt und kommt heute in Bürostühlen verschiedener Hersteller zum Einsatz, so beim „Erfinder“, der Pending-Manufaktur, in den freework-Modellen von Rohde & Grahl und den Sitwell-Drehstühlen von 1000 Stühle Gernot Steifensand.

Die Pending-Technik orientiert sich an dem Prinzip des Gymnastikballs. Dabei ist die Sitzfläche vom Unterbau abgekoppelt und an sogenannten Pending- Elementen aufgehängt − bei den Pending-Stühlen von 1000 Stühle Gernot Steifensand zum Beispiel bestehen diese aus insgesamt acht Drahtseilen. Dadurch wird die gesamte Sitzfläche zu allen Seiten hin beweglich und lässt sich durch die Bewegungsimpulse des Nutzers in leichte Schwingungen versetzen.

Der Sitzende steuert unbewusst dagegen und nimmt so minimale Ausgleichsbewegungen vor. Durch diese permanente Bewegung werden die Muskeln gestärkt und die Wirbelsäule wird entlastet – auch wenn sich der Nutzer nicht merklich bewegt. Durch die Aufhängung der Sitzfläche bewegen sich die Muskeln auch bei scheinbar starrer Sitzhaltung. Rohde & Grahl kombiniert die Pending- Technik in seinen Duo-Back-Modellen zusätzlich mit einer geteilten Rückenlehne, deren Komponenten unabhängig voneinander beweglich sind.

 

FreeFloat


Free FloatDie im Drehstuhl Kinnarps Plus 6 integrierte FreeFloat-Mechanik soll eine gesunde Sitzhaltung und dynamisches Sitzen fördern, indem sich Sitz und Rückenlehne voneinander unabhängig nach allen Seiten hin bewegen. So wird eine ständige Bewegung des Beckens ausgelöst, die wiederum einen Bewegungsimpuls der Füße und Beine auslöst. Gleichzeitig wird das Becken leicht nach vorn gekippt. Das Ergebnis: Der Brustkorb richtet sich auf, die Halswirbelsäule streckt sich. Durch die permanente Bewegung kommt der Kreislauf in Schwung, die wechselnden Sitzpositionen beugen einer einseitigen Belastung der Wirbelsäule vor.

 

 

 

Dondola


DondolaDas Thema dreidimensionale Bewegung stand noch am Anfang seiner Entwicklung, als Topstar die ersten Drehstühle mit Dondola-Technik auf den Markt brachte. Die Idee dahinter: Die Bandscheiben gewährleisten die Beweglichkeit des Menschen. Sie werden aber nicht, wie andere menschliche Organe, über den Blutkreislauf mit Nährstoffen versorgt, sondern müssen sich über die Körperbewegung selbst versorgen.

Ähnlich wie bei einem Schwamm sorgen somit abwechselnde Ent- und Belastung für Flüssigkeitszu- und -abfuhr. Eben dies soll im Sitzen das Dondola-Sitzgelenk gewährleisten: durch die permanente Bewegung beim aktiv-dynamischen Sitzen versorgen sich die Bandscheiben quasi selbst und es findet ein Stoffwechselaustausch statt. Das Dondola-Gelenk entlastet den Rücken, hält die Rückenmuskulatur permanent in Bewegung und fungiert als Stütze der Wirbelsäule und des Beckenbereichs. Dondola soll die Muskulatur somit den ganzen Tag über „beschäftigen“ und damit Haltungsschäden und Rückenschmerzen vorbeugen – und dazu steigert häufige Bewegung auch noch die Konzentration.

Topstar hat die Wirkung der Dondola-Technik im Rahmen einer Studie der Universität Regensburg wissenschaftlich erprobt. Unter Leitung von Prof. Dr. med. Joachim Grifka untersuchte Dr. Esther Dingeldey an 74 Probanden mit chronischen Schmerzen an der Lendenwirbelsäule die Wirksamkeit von dreidimensional beweglichen Bürostühlen: 37 Teilnehmer saßen auf einem Stuhl mit Dondola-Technik, weitere 37 auf einem baugleichen Exemplar ohne bewegliches Sitzgelenk − den Probanden wurde nicht mitgeteilt, zu welcher Gruppe sie gehören.

Nach Abschluss der achtmonatigen Studie verringerten sich bei der ersten Gruppe die Schmerzen um rund 66 Prozent, die durch die Rückenschmerzen bedingten Einschränkungen gingen um rund 50 Prozent zurück. Dabei ließ sich eine Steigerung des Wohlbefindens aller Probanden um 39 Prozent feststellen. Durch eine Druckverteilungsmessung ließ sich zudem nachweisen, dass mit dem Dondola-Sitzgelenk keine einseitigen Belastungen der Wirbelsäule auftreten. Insgesamt stellten rund 90 Prozent der Probanden in der Dondola- Gruppe nach Abschluss der Studie nur noch einen geringen Restschmerz fest, der sie nicht mehr oder nur noch gering einschränkte. Bei zehn Probanden verschwanden die Schmerzen sogar ganz.

 

Ergo-Balance

Auf Grundlage einer klassischen Synchronmechanik, die beim Zurücklehnen den Rücken streckt und die Bandscheibe entlastet, hat der Hersteller Rovo Chair die Ergo-Balance- Mechanik entwickelt. Unter der Sitzfläche der Ergo-Balance-Stühle hat Rovo Chair die sogenannte Flex-Ebene integriert.

Diese lässt sich durch ihren kompakten Aufbau direkt unter der Sitzfläche platzieren, wo sie mit dem Einsatz von zwei verschiedenen Elastomeren einen Effekt erzielt, der die Ergo- Balance-Technik ähnlich wie die menschliche Bandscheibe arbeiten lässt. So wird eine Rundum-Bewegung des Stuhls ermöglicht – Sitz und Rücken folgen jeder noch so kleinen Bewegung des Körpers in jede Richtung. Halt gibt dabei der dynamische Gegendruck, sodass der Nutzer sicher Platz nimmt und nicht, wie bei beweglichen Sitztechniken häufig befürchtet wird, das Gleichgewicht verliert. Der Nutzer bleibt zum einen durch die bewegliche Mechanik im Sitzen aktiv, zum anderen animiert die Ergo-Balance-Technik zu häufigen Haltungswechseln und aktiviert die Mikrobewegungen der Muskulatur.

„Mikrobewegungen haben einen großen Einfluss auf die körperliche Leistungsfähigkeit des Menschen, da so der Stoffwechsel und die Durchblutung angeregt werden“, erklärt Andreas Sperber, Physiotherapeut und Ergonomieberater. „Dies versorgt die Bandscheiben mit Nährstoffen, hält sie geschmeidig und entlastet sie. „In der Physiotherapie werden Mikrobewegungen mithilfe eines Balance-Kreisels ausgelöst, um die Rumpfmuskeln zu stabilisieren. Das Sitzen auf einem Stuhl mit Ergo Balance ist in der Wirkung vergleichbar mit dem Training auf einem Balance-Kreisel.“

 

Glide-Tec

Glide TecDie beste Sitzposition ist immer die nächste. Der Druck auf die Bandscheiben in völlig gerader Position ist größer als im Rundrücken. Somit entlastet Sitzen im Rundrücken die Wirbelsäule – diese überraschenden Ergebnisse einer Studie erzielte der Biomechaniker Prof. Hans-Joachim Wilke von der Universität Ulm im Jahr 1998. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte Dr.-Ing. Antonius Rohlmann von der Freien Universität Berlin. Er maß die Druckschwankung der Bandscheibe in unterschiedlichen Körperpositionen. Das Resultat: Bequemes, angelehntes Sitzen in leichter Kyphose (Rundrücken) entlastet die Wirbelsäule deutlich.

Die Forschungsergebnisse stellten die Hersteller von Bürostühlen vor ganz neue Herausforderungen. Doch damit nicht genug: „Der Körper hat eine Reihe von Komfortwinkeln, das heißt Positionen, in denen er die geringste Belastung erfährt und die somit für den Menschen unbewusst am bequemsten sind“, erklärt Marion Kurz, Marketingleiterin beim Sitzmöbelhersteller Sato (Grammer Office). „Der Mensch wählt instinktiv immer die für ihn bequemste Sitzposition und wechselt so auch häufig zwischen einer geraden Haltung und dem Rundrücken, was die Bandscheiben mit Nährstoffen versorgt.“

Um den Nutzer bei der Wahl der nächsten Sitzposition zu unterstützten, entwickelte Sato unter seiner Marke Grammer Office die Glide-Tec- Mechanik: Dabei gleitet die Sitzfläche nach vorne, wenn der Nutzer sich zurücklehnt, die Rückenlehne schwenkt gleichzeitig in einer natürlichen Bewegung nach hinten. Der Nutzer kann so seine Körpermotorik instinktiv und natürlich regeln. Die Technik lässt kaum kinematische Überschreitungen der natürlichen Komfortwinkel zu und so wird der als gesund geltende Wechsel von Rundrücken zur Doppel-S-Haltung gefördert. Das Besondere an der Glide-Tec- Mechanik zeigt sich im Arbeitsalltag schnell: Beim Zurücklehnen strecken sich in der Regel auch die Arme aus – das Weiterarbeiten in entspannter Position ist so kaum möglich. Mit Glide-Tec jedoch bleiben die Arme auch beim Zurücklehnen leicht angewinkelt. Das Ergebnis: entspannt weiterarbeiten.

 

Haider Bioswing

BioswingBioswing entwickelte vor drei Jahrzehnten mit Ärzten, Sportwissenschaftlern und Ergonomen eine dreidimensional bewegliche, freischwebende Technologie auf Grundlage von biomechanischen Aspekten und der zuvor noch nicht berücksichtigten Neurophysiologie des Menschen. Basis des patentierten 3D-Sitzwerks von Bioswing ist die Entkoppelung der Sitz- und Rückenfläche vom Stuhluntergestell. Becken und Wirbelsäule bewegen sich auf einem Bioswing im Sitzen wie im Gehen, nämlich aufwärts pendelnd. Ein unphysiologisches Absinken des Becken-Lenden-Bereichs zur Seite wird verhindert. Der Nutzer sitzt körperzentriert im Gleichgewicht und schwingt im körpereigenen Rhythmus. Dies ermöglichen vier Schwingelemente, die auf kleinste Bewegungen reagieren. Diese Bewegungen entlasten die Rücken- und Beckenregion, gleichzeitig wirken die Impulse aus den Muskel- und Gelenkrezeptoren im Gehirn als funktionelle Reize. Die Bioswing- Wirkung bewies eine Doppelblindstudie des Instituts G.R.P. mit 320 Probanden im Alter von 18 bis 64 Jahren im Jahr 1991. In der unabhängigen und herstellerneutralen Studie „Ergonomische Untersuchung besonderer Büroarbeitsstühle“ der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) erklärte das durchführende Institut für Arbeitsschutz Bioswing zum Testsieger.

 

 

celligence-system

celligence systemKlöber hat in sein Modell „Moteo“ das sogenannte „celligence-system“ integriert. Dieses besteht aus vier Aktivzonen in Sitz und Rücken: für die Unterstützung der Schulterpartien, die Lordosenanpassung und somit gegen den Rundrücken und für die Beckenkammunterstützung und einen ausgeglichenen Halt. Im Sitz unterstützt der „intelligente“ Schaum durch individuell regulierbare Luftzufuhr oder -abfuhr die gesunde Sitzposition mit aufgerichteten Sitzbeinhöckern und verbesserter Durchblutung. Darüber hinaus fördert das „celligence-system“ die seitliche Beweglichkeit der Sitzfläche. Für optimalen Wärmehaushalt sorgt ein 3-D-Klima-Gewebe unter dem Formschaum. Das „celligence-system“ im Moteo hat auch das Ergonomie Institut München unter die Lupe genommen, und es kommt zu dem Schluss, dass „sich (…) die Lehnenkontur innerhalb eines gewissen Bereichs quasiautomatisch an die individuelle Rückenkontur anpassen kann und damit letztlich eine vergleichbare Wirkung wie bei einer einstellbaren Lordosenhöhe erreicht wird.“ Das Institut lobt außerdem die „positive, sitzdynamikunterstützende Wirkung der in seitlicher Richtung flexibel reagierenden Lehnenfläche.“

 

 

 

 

 

 

 

Balance Movement

Balance MovementAuch bei der von HÅG entwickelten Mechanik sind die Bewegungen von Sitzfläche und Lehne miteinander verknüpft: Die Vorderseite der Sitzfläche bewegt sich beim Anlehnen nach oben; neigt der Nutzer sich nach vorn, bewegt sich auch die Front der Sitzfläche nach vorne.

Die Drehachse der Bewegung ist hier allerdings genau über der Gasfeder angeordnet, sodass eine frei fließende Bewegung entsteht, die es dem Nutzer bei korrekter Einstellung des Stuhls ermöglicht, genau in Balance zu sitzen und sich immer in die beste Sitzposition zu bewegen.

Durch minimale Bewegungen des Körpers bewegt sich der Stuhl mit dem Nutzer, der sich so permanent in Balance halten muss – Aktivierung der Muskeln inklusive. Der Kontakt zur Rückenlehne bleibt im Lendenwirbelbereich ständig erhalten, sodass auch die Wirbelsäule abgestützt wird.

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